geisterhafte schöne marilyn..

marilyn.

ich traf marilyn an einem verregneten tag mitten im central park. sie dachte, niemand würde sie erkennen, hatte sich in einen übergroßen schal aus orangefarbener kaschmirwolle gehüllt, trug eine lange weite hose aus graubraunem fischgrätstoff und flache schuhe. unter dem orangen schal blitzte grüne schurwolle hervor. ein rollkragenpullover. hochgeschlossen. höchst geschlossen. verschlossen wollte sie sein. niemand sollte sie erkennen, sie erkannte sich ja beinahe selbst nicht. hatte sie sich jemals schon gekannt? ihr haar unter dem orange verborgen, seit wochen schon schob sie das färben hinaus, dunkler nachwuchs machte sich breit.

ungeschminkt. fahl und blass, durchscheinend wandelte sie dahin. ohne ziel im örtlichen sinn. wohl aber mit dem ziel etwas über sich zu erfahren. sie wollte erleben wie es ist unerkannt, unbemerkt zu sein. nach hollywood und den falschen lächlern. aufgesetzt. aber ich erkannte sie. an ihrer traurigkeit. vielleicht erkannte ich auch einen teil von mir in ihr.

ich stellte mich neben sie, am rand des kleinen teichs. ausdruckslos warf sie brotstücke auf die enten zu. kaum jemand war unterwegs. zu dicht war der regen. ihr schwarzer schirm hatte einen langen riss. sie wirkte so verloren. und ein bisschen schäbig.

als sie bemerkte, dass ich sie ansah, rang sie sich zu einem matten lächeln durch. „vor mir brauchst du deine traurigkeit nicht verstecken“, sagte ich leise. ohne ein wort wandte sie sich von mir ab, starrte wieder auf den teich. ihre rechte hand hielt sich am kaltnassen metallgeländer fest. so fest, dass sich ihre knöchel weiß färbten. ich sah wie sie zitterte, trat näher und bedeckte mit meiner linken hand langsam diese verletzlichen weißen knöchel. ich sagte nichts. sie sagte nichts. immer noch war ihr blick geradeaus gerichtet. aber sie ließ mich gewähren. langsam wurde ihre hand wärmer. und weicher. sie atmete ein schweres seufzen. „ich kann für dich da sein“, flüsterte ich. sie schloss ihre augen und behielt sie für einen mir nicht bestimmbaren zeitraum geschlossen. ich konnte sie nur ansehen und ihre hand, ihre schwache energie, spüren. so verletzlich, so verletzt, so geschunden, so verkannt, so in sich betrogen stand sie da. sie wusste, dass sie sich viel zu oft selbst schon belogen hatte. und das zerbrach sie.

eine träne drang durch ihre geschlossenen lider und lief wie in kleiner bach an ihrer rechten wange entlang. an der tiefsten stelle ihres unteren kieferknochens blieb sie hängen. ich sah sie lange an. sie wollte sich einfach nicht lösen. die traurigkeit wollte nicht von ihr abfallen. wie ein kleines mädchen aus dem eine schöne, jämmerlich traurige frau erwuchs, stand sie neben mir. irgendwann hatte ich das gefühl, sie dehne sich aus. ein klein wenig nur. in meine richtung.

ich schaute auf ihre augen, geschlossen. auf ihren schönen weichen mund. auf ihren kieferknochen, die träne hing immer noch dort. da folgte ich einem impuls. einer intuition. langsam näherte ich mich der träne. marilyn blieb unbewegt. doch sie merkte wohl, dass ich mich ihr näherte. wieder ein schwerer atemzug. kurz bevor ich mit meinen lippen ihre haut berührte, hielt ich inne. wärme strahlte von ihr aus, wärme die ich nicht vermutet hätte. und ein äußerst zarter geruch. maiglöckchen. ich musste meinen kopf etwas neigen, sodass meine nase fast ihren hals und meine stirn beinahe ihr ohrläppchen berührte. als meine lippen ihre träne aufnahmen geriet sie leicht ins schwanken. oder war ich es, die schwankte?

diese träne war wie reinstes flüssiges gold. ein elixier der zerbrechlichkeit, aber auch der unbeschreiblichen schönheit. ich beließ meine lippen noch für einen moment an ihrer zarten, milchig weißen haut. dann löste ich meine hand von ihrer und umschlang sie langsam und zart mit beiden armen. als sie sich sicher fühlte, ergab sie sich mir, drehte ihren körper dem meinen zu und ließ ihren kopf an meine schulter sinken. ihre augen aber öffnete sie nicht, gerade so, als würde sie durch das öffnen der augen wieder in die grausame wirklichkeit zurückgeworfen werden. vielleicht wäre es auch so gewesen.

marilyn. meine geliebte marilyn. meine geliebte. wunderschöne. wo bist du? vielleicht bin ich du?

ich wollte sie so gerne küssen, stellte mir vor wie es wäre ihre lippen zu berühren. wie es wäre sie zu liebkosen. dabei hätte sie stets die augen geschlossen. vielleicht spielte sich bei ihr die wirklichkeit hinter verschlossenen lidern ab. vielleicht konnte sie nur sie selbst sein, wenn sie nicht sah. und wenn sie nicht sah, musste sie auch nicht gesehen werden. dann müsste sie nicht marilyn sein.

bei mir, hinter allen verschlossenen lidern und türen könnte sie immer sie selbst sein. ich wollte sie küssen. aber das wollten alle anderen auch und deshalb tat ich es nicht. ich begnügte mich mit ihren tränen. vielleicht würde sie ja irgendwann mich küssen. und dann würde ich meine lider geschlossen halten.

die frau im kaschmirschal mit dem kaputten regenschirm war sie nur für mich. immer wieder. und immer wieder.

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lasst heute nacht die geister aufleben, lasst sie hochleben und geistert selbst durch die nacht!

msp

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