morgenmantra in filzschuhen..

„gott findet mich sexy!“, tönt es aus emanuelle´s heiseren stimmbändern. in ihrem abgewetzten, karminroten seidenmorgenmantel, der seine besten jahre schon in den 80ern hinter sich hatte, sitzt sie in dem ohrensessel zwischen dem aquarium und dem vogelkäfig. einer der zebrafinken hat einen verletzten flügel und kommt vom käfigboden nicht mehr auf die sitzstange. er sitzt also permanent am boden und pickt die körner, die die anderen fallen lassen, auf. verträumt schaut emanuelle mit zitternder hand und zu stark geschminkten lidern dem treiben des kleinen gefieders zu. das weiße haar fällt in dünnen strähnen über ihre spitzen wangenknochen. dick wollbestrumpfte füße stecken in dunkelgrauen filzschuhen. „gott findet mich sexy!“, ist wieder zu hören. „das wissen wir jetzt schon!“, entfährt es grete, die etwas abseits an einem tisch sitzt und  versucht, ihren fingernägeln mit einem dunkelroten lack etwas glamouröses zu verleihen. das zittern hinterlässt ungewollt farbspuren weit über das nagelbett hinaus. parkinson hat seine tücken.

„sieh dir diesen vogel an, lilli, er ist wie eine metapher für mein leben. einst war er agil und schön, voller tatendrang, begehrt und umschwärmt von den anderen seiner art. jetzt frisst er die körner, die die anderen versehentlich fallen lassen. und kann nicht mehr zurück. seine tage sind gezählt. wären da nicht die, die ihn füttern, ihn tränken und seine exkremente beseitigen, würde er jämmerlich und würdelos sterben.“ lilli streicht der alten dame liebevoll über die schulter, zieht sich einen sessel heran und setzt sich zu ihr. „ich habe ihnen heute wieder apfelmus mitgebracht.“ emanuelle wendet langsam ihren blick vom vogelkäfig in richtung lilli. und ihre augen bekommen ein kaum erkennbares leuchten. „oh, wie schön. womit hast du es denn diesmal verzaubert?“ „mit einer prise chili und einem fünkchen ingwer. das wird sie von innen wärmen und die bösen kältegeister vertreiben.“ ein dankbares lächeln entschwindet dem greisen gesicht. „möchten sie, dass ich ihnen wieder die hände massiere?“ „ja, sehr gerne. was gibt es denn zur auswahl?“. „orange, jasmin oder rosenblüten.“ „ich glaube, mir ist heute nach orangenöl. erinnert mich so sehr an die sonnigen tage in italien.“

„weißt du, es gibt doch einen unterschied zwischen mir und diesem vogel. nur manchmal vergesse ich das.“ emanuelle hebt ihren kopf eine wenig an.  würdevoll sitzt sie jetzt in diesem thron aus polsterung und blumenmuster. „er sitzt sein ganzes leben lang schon in einem käfig und endet, verendet, in diesem haus hier. ich aber habe einen fluss an bunten erinnerungen hierher mitgebracht. und sie helfen mir über diese eintönigen tage hinweg. wenn ich sehe, wie manche meiner mitbewohner immer mehr und mehr vergessen wer sie sind, bin ich fast glücklich. fast.“

auch nur fast intakt ist emanuelle´s erinnerungsvermögen. allerdings bemerkt sie es nicht mehr. denn eigentlich heißt die betagte dame isolde, und ob sie je die sonne italiens genossen hat, ist nicht belegt. aber jeder im seniorenwohnheim nennt sie bei ihrem selbst gewählten namen, der durchaus rückschlüsse zulässt auf die möglicherweise von ihr favorisierten filme der 70er jahre, in denen die hauptdarstellerin emanuelle hieß. dergleichen lässt ihr morgenmantra „gott findet mich sexy“ erahnen, dass sie kein allzu langweiliges liebesleben hinter sich hat. und jeder hört gerne zu, wenn sie geschichten erzählt. ob sie nun wahr sind oder nicht, es sind facettenreiche und oftmals skurrile ereignisse, die sie beschreibt.

„soll ich dir erzählen, wie es mir gelang 1967  in paris unerlaubt auf einem zirkuselefanten zu reiten?“ „sehr gerne.“, lächelt lilli ihr entgegen und kümmert sich indes um die zweite faltige hand.

.

.

msp

.

.

.

Advertisements

Ein Gedanke zu “morgenmantra in filzschuhen..

  1. Mit deinem Text leben die letzten Tage meiner Schwiegermutter wieder auf. Trauer, flüchtiger Trost, Gespräche der Hände und Blicke durch den Schleier der Demenz. Und wie die Verschiedenheit aufblüht, wenn sie geachtet wird. Es fällt mir allerdings noch sehr schwer darüber zu schreiben, so klein, so verletzlich, und dabei so viele Worte viel zu hart.

    Danke
    Björg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s