alt und spröde..

er nahm mich an der hand.

wie ein kleines kind ging er an meiner Hand. oder ich an seiner. ein stockwerk gingen wir die treppe runter, von seinem zimmer bis zur tür.

seine hand war warm und trocken. überraschend angenehm. er ist 66 und hatte an diesem tag geburtstag, mein vater, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt mit ihm hand in hand ging. vielleicht taten wir das überhaupt noch nie.

ich hatte gespaltene gefühle in diesen paar sekunden, es waren vielleicht gerade einmal dreißig. eine halbe minute. irgendwie fand ich es schön, ich hatte das gefühl ich würde ihn leiten, ihn trösten und ihm halt geben. andererseits war es mir zuviel nähe. fast abscheulich viel nähe für diesen kurzen moment. ich entzog meine hand.

vielleicht habe ich als kind seine hand gehalten, vielleicht sind wir sogar einmal hand in hand durch den prater gegangen. er hat so gut wie nie mit uns gespielt und kaum etwas mit uns unternommen, aber ein paar mal im jahr machten wir einen familienausflug. das war dann entweder ein nachmittag im prater oder tretboot fahren am neusiedlersee, samt besuch des märchenparks – damals ein waldstück in dem ein paar alte, verwitterte, lebensgroße märchenfiguren herumstanden. aber ich erinnere mich nicht daran, jemals meine hand in seiner gehabt zu haben.

als ich ins auto stieg, stand er am gartentor, wie immer, und winkte noch einmal zu mir herüber, bevor er wieder in sein altersheim-einzelzimmer hinauf ging, sich an den abgenutzten tisch setzte und die gegenüberliegende wand anstarrte. und eine stunde später wusste er nicht mehr,  dass ich da war.

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msp

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8 Gedanken zu “alt und spröde..

  1. Hi msp!
    Dein Text ermutigt mich, ein paar Verse über meine jüngst verstorbene, demente Schwiegermutter einzustellen, auch wenn der Bodensatz sich noch nicht ganz von der Essenz getrennt hat. Das dauert manchmal ein paar Jahre..
    Meine Erfahrung: Schnelles Veröffentlichen, und sei es auch nur unter Freunden, nimmt dir die Arbeitsspannung, die nötig ist, um einen Text richtig gut zu machen. Aber manchmal hilft wohl auch ein Feedback weiter. Meines an dich: Ran an die „gespaltenen Gefühle“..
    Sorry, ich hoffe, ich komme nicht zu Oberlehrerhaft rüber. Ist dir überhaupt auch an einem Werkstatt-Dialog gelegen?

    1. danke für dein feedback.
      vielleicht trennt sich die essenz ja überhaupt nie ganz vom bodensatz. zu mindest in manchen bereichen des lebens. es sind immer nur versuche zu finden und herauszukristallisieren…
      zu meinem text: er ist nicht mehr ganz neu, durfte schon eine weile sickern und einwirken. und vielleicht ist gerade die veröffentlichung aufarbeitung.
      für feedback und einen „werkstatt-dialog“ bin ich dankbar.

      msp

  2. Diese Momente der Wahrhaftigkeit, sie dauern immer nur 30 Sekunden und sind so schnell vorüber. Dann werden die Masken und Muster wieder aufgefahren.
    Wenn ich nur verstehen würde, warum das so ist..

    1. Ich würde keine Regel draus machen, aber in der Familie und anderen sozialen Maschinen (dem Literaturbetrieb?) ist Distanz wichtig, um sich nicht dauerhaft aufzulösen. Die Maske ist die Person – gut sie zu kennen.

    2. ich glaube man kann die wahrhaftigkeit auch ein bisschen ausdehnen.. und wir tragen doch alle immer wieder masken. maskieren unsere teilpersönlichkeiten, aber wir gewähren manchmal auch blicke hinter die masken. vielleicht durch das geschriebene.

      1. @msp: Ja ausdehnen lässt sie sich, das glaube ich auch.

        Aber ist die Maske nur eine Metapher für die Unwahrhaftigkeit? Da klingt mir zu sehr die platonische Verachtung der Dichtkunst durch: Als sei alle Kunst nur Schein.

        @Faktoid: Ich erfülle Rollenzuweisungen, das ist, glaube ich das, was hier als Problem empfunden wird: Ausdruck oder Sypmptom von Abhängigkeit. Schreiben als Blick hinter die Masken wäre demnach Befreiung. Geht das in Ordnung als elementare Poetik oder brauchen wir gar keine?

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